Graun7 - ungewollter Asbestkontakt

Lesezeit ca. 6 Minuten
  • Bildserie Asbestsanierung

    Graunstr. 7 (3.OG), 13355 Berlin, Februar 2012
  • unser Wohnzimmer kurz nach Beginn der Renovierungsarbeiten

  • Styropor Deckenpanele? Nein danke

    Damals dachten wir: gut das die giftigen Dinger aus der Wohnung sind
  • Floorflex-Platten lösen sich relativ einfach vom Untergrund

    Wer denkt bei Vinyl-Fliesen an Asbest?
  • der Schwarzkleber haftet gut, mit der Spachtel schaffen wir es nicht ganz

  • mit der Betonfräse geht es besser, nur ein schwarzer Rand bleibt

    Resultat: schwachgebundener Asbest in der Wohnung
  • Badezimmer vor der Renovierung

  • Lust auf ein Bad?

  • Viel Arbeit

  • neue Wanne & warme Füße mit Bambusparkett im Badezimmer

  • Bad ist fertig

  • das Wohnzimmer nach der Renovierung

    Bodenbelag: Bambusparkett
    Wand: Kalkputzfarbe
    Decke: Kalkfarbe
    Raumluft: Asbestfasern
  • hier durften wir wegen der Asbestbelastung eigentlich nicht wohnen...

  • ...oder Familie und Freunde empfangen :-(

  • ca. 100.000 Wohnungen sind noch mit Floorflex-Platten ausgestattet

  • 2.700 degewo Wohnungen allein im Brunnenviertel

  • die Politik schaut seit Jahrzehnten nahezu tatenlos zu

    die SPD stimmte gegen eine Kennzeichnungspflicht von betroffenen Wohnhäusern. Gelder für eine Asbest Beratungsstelle wurden zweckentfremdet
  • "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit"

    Artikel 2 Grundgesetz

Ein Asbestviertel mitten in Berlin

Das Brunnenviertel erstreckt sich zwischen Bernauer Strasse und Gesundbrunnen. Tausende degewo Mietwohnungen befinden sich in dieser ruhigen, breit angelegten und grünen Wohngegend. Auf fast jedem Wohnblock hoch oben präsentiert sich stolz das degewo Firmenlogo. Was die wenigsten Mieter wissen: 2.700 degewo Wohnungen sind hier mit asbesthaltigen Floorflex-Platten ausgestattet.

Bevor wir ins Brunnenviertel zogen, besuchten wir öfters Freunde in der Swinemünder Strasse (ca. 2008-2012). Dort sahen wir erstmals Floorflex-Platten. Niemand wusste, dass Floorflex-Platten asbesthaltig sein könnten. Noch weniger dachten wir, dass uns diese Böden einmal zum Verhängnis werden. 
degewo graunstrasse berlin

Unsere Mietwohnung - von Anfang an nicht wohnbar

Februar 2012, meine Frau und ich übernehmen eine renovierungsbedürftige Mietwohnung von Bekannten (Nachmieterregelung). Uns ist bewusst, dass in der Wohnung viel gemacht werden muss. Wir rechnen aber auch damit, dass wir die Wohnung in Zukunft weitergeben können (so wie unsere beiden Vormieter). 

Der degewo teilen wir unsere Renovierungsabsicht mit. Wir wollen das Bad komplett neu machen, die Böden im Wohn,- und Schlafzimmer austauschen, alle Wände und Decken neu gestalten. 

In der Genehmigungsanfrage halten wir schriftlich fest, das wir beabsichtigen die Böden verklebt zu verlegen. Mündlich besprechen wir das auch mit Frau G. von der degewo

Laut Frau G. kann uns die degewo dies zwar nicht schriftlich genehmigen, Sie versicherte uns aber, dass wenn wir einen Nachmieter finden, wäre das kein Problem. Das gleiche wurde uns auch bei der Wohnungsübergabe gesagt. Falls wir niemanden finden sollten, muss der Boden schlimmsten Fall wieder entfernt werden. Laut Frau G. würde dieser Fall aber sicherlich nicht eintreffen, da wir die Wohnung ja aufwerten.

Degewo verheimlicht Asbestgefahr 

Mit keinem Wort wurden wir über eine mögliche Asbestbelastung der Fußböden gewarnt, obwohl Frank Bielka (ex degewo Aufsichtsratsvorsitzender, ex degewo Vorstandsvorsitzender, ex degewo Nord Geschäftsführer und ex Staatssekretär) schon im Jahr 2000 dem Senat bekannt gab, dass 14.400 degewo Wohnungen asbesthaltige Floorflex-Platten enthalten. 
vergiftungsgefahr degewo garage
In unserer degewo Garage wurden wir sehr wohl über mögliche Gefahren aufgeklärt. Warum nicht in unserer Wohnung?

Asbesthaltigen Kleber heraus gefräst

Anfang Februar 2012 entfernten wir im Zuge der Renovierung auch die asbesthaltigen Vinyl-Fliesen aus Wohn,- und Schlafzimmer. Die Fliesen wurden als Bauschutt in Berlin-Charlottenburg entsorgt.

Dann wurde der asbesthaltige Schwarzkleber heraus gefräst, ohne jegliche Schutzmaßnahmen. Die Betonfräse brachte den kompletten Plattenbau zum vibrieren. Feiner Staub überall in der Wohnung.

Für das Herausnehmen von asbesthaltigen Klebstoffen gelten übrigens die gleichen Schutzmaßnahmen wie für schwachgebundene Asbestprodukte. Solche Arbeiten müssen unbedingt in einer staubfreien Umgebung durchgeführt werden. Die zu renovierenden Räume werden dafür komplett abgedichtet. Die Arbeiter dürfen nur im Schutzanzug mit Atemgerät die Räume betreten. Es dürfen keine Asbestfasern eingeatmet werden oder aus den Räumen entweichen. Das Atemgerät darf erst nach der Dekontamination der Arbeiter (inkl. Dusche) abgenommen werden.
Schutzmaßnahmen bei einer Asbestsanierung, Promotionsvideo einer Asbestsanierungsfirma aus dem Jahr 1987

Degewo Kundenzentrum Nord empfängt keine Kunden

2018 müssen wir die Wohnung abgeben, da wir ins Ausland ziehen. Mehrere Interessenten wollen die renovierte, komplett möblierte Wohnung übernehmen und dafür einen Abstand zahlen.

Mitte August 2018 gingen wir deshalb zum Kundenzentrum Nord, um die Modalitäten zu klären. Zu unserer Überraschung empfängt das degewo Kundenzentrum Nord in der Brunnenstrasse niemanden mehr persönlich. 

Damals ging das noch, man spazierte einfach hinein. Heute sieht es anders aus. Wir sollen unser Anliegen per Telefon oder E-mail mitteilen.

Degewo antwortet, dass die Wohnung wegen Schadstoffbelastung für eine Weitergabe gesperrt sei.

Was für eine Schadstoffbelastung?

Im Mietvertrag steht nichts über eine Schadstoffbelastung, in der Vereinbarung über bauliche Veränderungen steht auch nichts. Persönlich wurden wir auch nicht gewarnt. Hinweisschilder im Wohnhaus? Fehlanzeige. 

Mehrmals kontaktieren wir die degewo um Klarheit zu bekommen. Ohne Erfolg. Kein degewo Mitarbeiter hat uns gegenüber das Wort Asbest je in den Mund genommen. Audio - Asbest?.

Kein Wort über Asbest

In einer E-mail fragen wir, ob mit Schadstoffbelastung Asbest gemeint ist und warum die Wohnung für eine Weitergabe gesperrt sei. 

E-mail vom 24.10.2018:

"Zunächst möchten wir Ihnen Ihre Bedenken nehmen hinsichtlich einer Gesundheitsgefährdung aufgrund von Schadstoffbelastung... wie Sie vielleicht jedoch bereits durch Presse und Rundfunk selber zur Kenntnis nehmen mussten, hat sich die Wohnungsmarktsituation in Berlin grundsätzlich geändert... als landeseigenes Wohnungsunternehmen ist es uns nicht immer möglich, frei über jede Wohnung zu verfügen. Vor allem Wohnungen, die dem sozialen Wohnungsbau unterliegen, so wie auch die von Ihnen angemietete Wohnung... gewisse Voraussetzungen müssen oftmals erfüllt sein. In der Regel können daher derzeit kaum noch Nachmieterwünsche durch den Vermieter berücksichtigt werden... wir bitten Sie daher, zunächst davon auszugehen, dass Sie uns die Wohnung vollständig geräumt herausgeben müssen."

Kein Wort von einer möglichen Asbestbelastung. Die Wohnung unterlag schon lange vor uns dem sozialen Wohnungsbau. Es hat sich in dieser Hinsicht nichts geändert.

Eine Nachmieterregelung wäre im übrigen möglich, wenn die Wohnung nicht schadstoffbelastet wäre, wie uns ein degewo Mitarbeiter in einem Telefonat bestätigt. Die E-mail scheint ein schlecht durchdachtes Ablenkungsmanöver zu sein. Audio - Nachmieterregelung
degewo nachmietervereinbarung
Die Nachmietervereinbarung unseres Vormieters aus dem Jahr 2010

Alle Schadstoffe dieser Welt

Eine Internetrecherche bringt mehr Klarheit als alle bisherigen Kommunikationsversuche mit der degewo. Den Online-Medien gegenüber zeigt sich die degewo kommunikativ und offen. Da findet man alle möglichen Informationen: Tausende degewo Wohnungen mit asbesthaltigen Floorflex-Platten, etc. 

Ist unsere Wohnung nun auch betroffen oder nicht? Noch immer versuchen wir das herauszufinden. Von der degewo erfahren wir nichts konkretes. Man müsste erst testen, um was für Schadstoffe es sich da handeln könnte. Bis dahin kann man uns nichts Konkretes sagen. 

Erst wenn wir aus der Wohnung ausziehen, würde man über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr testen, um zu sehen was für Schadstoffe es sein könnten. Die Wohnung muss dafür komplett leergeräumt sein, sonst würde man keine objektiven Testergebnisse erhalten. Audio - wir müssen raus.

Man teste auf alle Schadstoffe die es gibt in dieser Welt, wortwörtlich wurde uns das so gesagt. Audio - wir testen alles

Persönliches Gespräch nicht erwünscht, persönlich schnüffeln ja?

Von Anfang an suchten wir den persönlichen Kontakt. Ohne Erfolg

Dann, am 31.10.2018 gegen 15 Uhr, erscheint in unserem Wohnhaus in der Graunstr. 7 plötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine Mitarbeitern von der degewo. Frau K. Mit Ihr hatten wir kurz vorher E-mail-Kontakt, keine einzige unserer Fragen wurden von Ihr konkret beantwortet. 

Das ich Frau K. traf war reiner Zufall. Als ich durch die Haustüre in Richtung Lift ging, wartete Frau K. vor einer Wohnungstür. Wir begrüßten uns kurz, ein Nachbar öffnete Ihr die Tür. Ich hörte noch wie Sie sich vorstellt: Frau K. von der degewo..... Die Lifttür schließt.

Frau K. klopfte an diesem Nachmittag bei fast allen Nachbarn. Bei uns klopfte Sie nicht (meine Frau war Zuhause). Mehrere Nachbarn erzählten uns danach, dass Sie besonderes Interesse an den Böden zeigte. Wo nur ein Türspalt geöffnet wurde, wollte Sie bewusst rein Sehen. Ein Tablet hatte Sie dabei und machte darin Notizen.

Der offizielle Grund Ihres Besuchs: Kleinigkeiten beanstanden wie z.B. Fahrräder im Flur und nicht erlaubte Fußabtreter (hätte Sie die Mieter nicht lieber über die mögliche Asbestgefahr aufklären sollen?).

Unser im Flur abgestelltes Fahrrad hat Sie nicht beanstandet. Auch nicht unseren Fußabtreter. 
graunstrasse 7

Mieterschutzbund hilft, Vermieter versteht nur Anwaltsdeutsch?

Erst nachdem man uns beim Mieterschutzbund beraten hat und uns erklärte, wie man mit dem Vermieter kommunizieren soll, ging es voran:

Ich fordere Sie auf, innerhalb von 10 Tagen ab Zugang dieses Schreibens zu bestätigen, das die Fußbodenplatten/Fußbodenkleber in meiner Wohnung asbestbelastet sind. Sollte die gesetzte Frist nicht eingehalten werden, werde ich kostenpflichtig einen Gutachter hiermit beauftragen.”

Innerhalb kürzester Zeit kam eine E-mail von der degewo. Plötzlich ging alles schnell. Ein Gutachter wird sich mit uns in Verbindung setzen, um die Böden auf Asbest zu testen. Auch das ging sehr schnell. Plötzlich musste die Wohnung nicht mehr leergeräumt werden. Es wird auch nicht mehr auf alle Schadstoffe dieser Welt getestet. Nein, nur auf Asbest. Jetzt geht es gezielt zur Sache.

Degewo Gutachter: "das ist schon sehr fahrlässig"

Im Wandschrank (Flur) waren noch ein paar Floorflex-Platten vorhanden, hier hat der Gutachter (Herr G.) eine Probe entnommen. Asbest wurde sowohl in den Floorflex-Platten als auch im Schwarzkleber nachgewiesen. Trotzdem mussten wir später unseren eigenen Gutachter (Herr W.) beauftragen. Degewo's Anwälte bestreiten, dass der gleiche Asbestboden auch im Wohnzimmer und Schlafzimmer vorhanden war (vor so einer Argumentation wurden wir schon gewarnt). Im Wohnzimmer und Schlafzimmer war im Randbereich noch ein schwarzer Asbeststreifen vorhanden, hier entnahm Herr W. eine Probe.

Herr G. sah keinen Grund in den anderen Räumen zu testen. Wenn im Flur Asbest zu finden ist, dann wurde das Zeug überall verbaut. Das uns die degewo vor den asbesthaltigen Böden nicht gewarnt hat, fand er sehr fahrlässig. Audio - sehr fahrlässig

Kein Einzelfall

Herr G. (der von degewo bestellte Gutachter) berichtete außerdem, dass schon viele Mieter die Asbestböden selber renoviert haben, ohne sich der Gefahr bewußt zu sein. In der Graunstrasse 7 wurden laut Ihm schon mehrere Wohneinheiten auf Asbest untersucht. Laut Ihm wurde bisher in allen Fällen Asbest in den Böden nachgewiesen. Audio - viele Fälle

Herr W. führte laut eigenen Angaben noch vor dem Asbestverbot 1993 Proben für die landeseigenen Wohnungsgesellschaften durch. Schon damals wurde laut Ihm Asbest in den Floorflex-Platten nachgewiesen. Er erzählte uns, dass zu dieser Zeit die Untersuchung per Elektronenmikroskop relativ neu war. Die landeseigenen Wohnungsgesellschaften (degewo inklusive) sind Ihm zufolge sehr wohl informiert und wüssten, wo asbesthaltige Fußböden verbaut sind

Abgewimmelt

Die degewo will es sich einfach machen: das wir die Wohnung wegen Schadstoffbelastung jetzt nicht weitergeben können, sei unser Problem. Das wir bei der Renovierung unser Leben riskiert haben, sei unsere Schuld. Damit müssen wir jetzt leben.

Rechtlicher Hinweis:

“Gesprächsteile, die nicht dem Kernbereich privater Sphäre angehören, können verwertet werden, wenn die Interessen der Allgemeinheit im Verhältnis zu den grundrechtlich geschützten Belangen der Gesprächspartner so überwiegen, dass eine Verwertung der Tonbandaufnahmen als zulässig anzusehen ist." 

Bayerisches Oberstes Landesgericht (BayOLG) - Urteil vom 20.01.1994 - Aktenzeichen 5 St RR 143/93
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