Die erschreckenden Parallelen zwischen VWs Benzol-Skandal und Degewos Asbest-Affäre
Juli 2025. Ein interner VW-Revisionsbericht aus dem Jahr 2022 sorgt für Schlagzeilen: Im Grand California wurden Benzol-Werte von bis zu 159,1 Mikrogramm pro Kubikmeter Raumluft gemessen - der UBA-Leitwert liegt bei 4,5 Mikrogramm. Das sind 35-mal höhere Werte als empfohlen. Der krebserregende Stoff dünstet aus dem GFK-Hochdach in den Innenraum, wo Familien schlafen, essen und ihre Freizeit verbringen.
Was VW seinen Kunden verschwiegen hat, erinnert fatal an das Vorgehen der landeseigenen Berliner Wohnungsbaugesellschaft Degewo beim Umgang mit Asbest. In beiden Fällen wussten die Unternehmen seit Jahren von der Gefahr - und entschieden sich bewusst dafür, ihre Kunden im Dunkeln zu lassen.
VW: "Kosten und Zeitdruck" wichtiger als Gesundheit
Die Geschichte des VW-Skandals liest sich wie ein Lehrbuch über Konzernversagen. Laut dem vertraulichen Konzern-Revisionsbericht von Juni 2022 wusste VW bereits seit Februar 2018 von den Problemen: "Seit Februar 2018 existieren diverse Labormessungen, die wiederholt Überschreitungen der VW-Vorgaben aufzeigen."
Warum brachte VW das Auto trotzdem auf den Markt? Die Antwort der internen Prüfer ist erschreckend ehrlich: "Kosten und Zeitdruck. Das Fahrzeug sollte für die Campingsaison 2019 zum Verkauf stehen."
Die Folgen für die Käufer waren verheerend:
- Kopfschmerzen und brennende Augen
- Übelkeit, besonders bei Kindern
- Metallischer Geschmack im Mund
- Atemwegsbeschwerden
Besonders kritisch: VW reduzierte die Schadstoffe erst nach Beanstandungen durch Händler mittels einer Versiegelung der GFK-Dächer ab Mai 2022 – eine aktive Kundeninformation oder ein Rückruf erfolgte nicht.
Degewo: Jahrzehntelanges Verschweigen der Asbestgefahr
Die Parallelen zur Degewo sind frappierend. Mieter von landeseigenen Degewo-Wohnungen werden seit Jahrzehnten über die lauernde Asbestgefahr in den eigenen vier Wänden in Unwissenheit gelassen. Etwa 17.000 Wohnungen stehen unter Asbestverdacht.
Was besonders empört: Das Berliner Landgericht stellte fest, dass die Degewo als professioneller Vermieter spätestens seit 1993 - dem Jahr des Asbestverbots - ihre Mieter hätte informieren müssen. Stattdessen begann die Degewo erst 2013, also 20 Jahre später, mit der Information der Mieter.
Ein betroffener Mieter berichtet von einem besonders perfiden Fall: Die Degewo genehmigte ihm die Renovierung seiner Wohnung - ohne ihn über die Asbestgefahr zu informieren. Beim Bohren, Schleifen und Renovieren setzte er sich und seine Familie unwissentlich den krebserregenden Fasern aus.
Die Rolle von Frank Bielka: Ein Mann, zwei Skandale?
Besonders brisant ist die Rolle von Frank Bielka (SPD). Als Staatssekretär sah er im Jahr 2000 keine Notwendigkeit, Mieter über mögliche Asbestgefahren aufzuklären. Später wurde er selbst Degewo-Chef.
Die Chronologie ist verstörend:
- 2000: Als Staatssekretär verharmlost Bielka die Asbestgefahr
- 2003: Der "Fall Bielka" erschüttert Berlin wegen Selbstbereicherung
- Klaus Wowereit (SPD) sorgte dafür, dass Bielka seine Pensionsansprüche als "Staatsdiener" verliert
- Die Degewo gleicht diese verlorenen Ansprüche aus - finanziert durch Mietzahlungen, auch von Asbestopfern
Die Strategie des Vertuschens: Ein Muster?
Sowohl VW als auch Degewo folgten einem ähnlichen Muster:
1. Wissen, aber schweigen
- VW: Kenntnis seit 2018, Verkaufsstart 2019
- Degewo: Kenntnis spätestens seit 1993, Information erst ab 2013
2. Verharmlosung statt Aufklärung
- VW: "Bei Unwohlsein lüften Sie das Fahrzeug"
- Degewo: "bohr keine Löcher in die Wand, dann kannst du da gut drin wohnen"
3. Keine Rückrufe, keine proaktive Information
- VW: Kein Rückruf trotz 35-facher Benzol-Überschreitung
- Degewo: Keine systematische Information der Altmieter
4. Juristische Winkelzüge
- VW: "Für die Fahrzeughomologation existieren keine gesetzlichen Vorgaben"
- Degewo: Beruft sich auf fehlende gesetzliche Informationspflicht
Die menschlichen Kosten
Beide Skandale betreffen krebserregende Stoffe: Bei VW ist es Benzol mit 35-fach überhöhten Werten, bei der Degewo Asbestfasern. VW-Kunden lebten jahrelang in ihren Campern und waren dem Benzol ausgesetzt - besonders kritisch in der oberen Schlafkabine, wo meist Kinder schlafen.
Bei Asbest zeigen sich die Folgen erst nach 30-50 Jahren. In Deutschland sterben jährlich etwa 1.700 Menschen offiziell an Asbestfolgen, die Dunkelziffer wird auf 15.000 geschätzt.
Der zeitliche Abstand zwischen Exposition und möglicher Erkrankung macht in beiden Fällen die Beweisführung schwierig. Während bei VW die Langzeitfolgen der Benzol-Exposition noch nicht absehbar sind, erreichen die Asbesterkrankungen gerade ihren Höhepunkt - Menschen, die in den 1980er Jahren renovierten, erkranken jetzt.
Die rechtlichen Konsequenzen
Beide Fälle zeigen eklatante Verstöße gegen geltendes Recht:
Produktsicherheitsgesetz: Umweltrechtler Martin Führ stellt klar: "Danach darf ein Hersteller nur Produkte in Verkehr bringen, von denen keine Gesundheitsgefährdung ausgeht."
Verkehrssicherungspflicht: Bei der Degewo liegt laut Gericht eine Verletzung der Verkehrssicherheits-, Schutz- und Sorgfaltspflichten vor.
Die Rolle der Aufsichtsbehörden: Wegschauen als System?
Auch die Behörden versagen in beiden Fällen:
- Das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig, zuständig für VW, schweigt zu seinen Prüfergebnissen
- Bei der Degewo schauen Berliner Behörden seit Jahrzehnten weg
Immerhin: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigt, dass sie in der VW-Sache ermittelt. Bei der Degewo hingegen sieht die Berliner Staatsanwaltschaft offenbar kein öffentliches Interesse an der Aufklärung.
Was lernen wir daraus?
Die Parallelen zwischen dem VW-Skandal und der Degewo-Affäre sind kein Zufall. Sie zeigen ein systemisches Problem:
- Profit vor Gesundheit: Ob Campingsaison oder Mieteinnahmen - wirtschaftliche Interessen dominieren
- Informationsasymmetrie als Waffe: Unternehmen nutzen ihr Wissen bewusst gegen ihre Kunden
- Behördenversagen: Aufsichtsbehörden kommen ihrer Schutzfunktion nicht nach
- Keine persönliche Verantwortung: Manager bleiben meist unbehelligt
Forderungen für die Zukunft
Um solche Skandale künftig zu verhindern, braucht es:
- Verschärfte Informationspflichten: Unternehmen müssen bei Kenntnis von Gesundheitsgefahren sofort informieren
- Persönliche Haftung: Manager müssen für bewusstes Verschweigen von Gefahren persönlich haften
- Unabhängige Kontrollen: Behörden müssen personell und finanziell besser ausgestattet werden
- Whistleblower-Schutz: Die VW-Manager, die als Hinweisgeber auftraten, wurden laut ihrer Klage "kaltgestellt"
Fazit: Ein Muster der Verantwortungslosigkeit
Ob Benzol im Luxuscamper oder Asbest in der Sozialwohnung - die Mechanismen sind dieselben. Große Unternehmen, seien sie privat wie VW oder landeseigen wie die Degewo, stellen systematisch ihre wirtschaftlichen Interessen über die Gesundheit ihrer Kunden.
Die Opfer sind immer die Schwächsten: Familien mit Kindern, die im vermeintlich sicheren Camper Urlaub machen. Mieter, die mit schriftlicher Genehmigung des Vermieters ihre Wohnung renovieren. Sie alle wurden bewusst einer Gefahr ausgesetzt, die ihre Gesundheit nachhaltig schädigen kann.
Es ist höchste Zeit, dass sowohl bei VW als auch bei der Degewo die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Denn eines zeigen beide Fälle überdeutlich: Ohne massiven öffentlichen Druck und juristische Konsequenzen werden Konzerne weiterhin die Gesundheit ihrer Kunden gefährden - sei es aus "Kosten und Zeitdruck" oder aus purer Gleichgültigkeit.
Die Betroffenen haben ein Recht auf Aufklärung, Entschädigung und vor allem: Dass sich solche Skandale nicht wiederholen. Dafür braucht es mehr als nur warme Worte und Lüftungsempfehlungen. Es braucht einen grundlegenden Wandel in der Unternehmenskultur - bei VW genauso wie bei der Degewo.
Quelle: Schadstoffe im Campingbus – Hat VW Warnungen ignoriert? | frontal
Wenn Sie selbst betroffen sind: Sowohl VW-Kunden als auch Degewo-Mieter haben möglicherweise Anspruch auf Schadensersatz. Lassen Sie sich rechtlich beraten und dokumentieren Sie alle gesundheitlichen Beschwerden.
